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Review: "Mein Mann von unter der Brücke" von Benjamin Schmidt (Buch)



Buchbesprechung:

"Mein Mann von unter der Brücke"

von Benjamin Schmidt



„Lass uns untergehen, mein Freund, dachte ich, da wo die Sonne strahlt.“


Draußen ist es bitterkalt, der Frost hat die Vormachtstellung für sich beansprucht und man kann beobachten, wie alles unter einen dicken Schneeschicht immer tiefer begraben wird. So lange bis der Frühling seine Finger ausstreckt, den Tau herbeiruft und offenbart, was darunter zum Vorschein treten mag. Nichts eignet sich besser für diese klirrend kalte Jahreszeit als guter Lesestoff, bei dem man es sich zu Hause, vielleicht sogar am wohlig warmen Kamin, gemütlich machen kann. "Mein Mann von unter der Brücke" von Benjamin Schmidt ist die perfekte Lektüre dafür, denn dieser Roman zeigt, dass sogar das einsamste Herz wieder aufleuchten kann. Dass sogar die verlorenste Seele ihre Heimat finden kann.

Benjamin Schmidt ist für diesen Roman verantwortlich und veröffentlicht hiermit seinen bereits fünften Roman via Edition Outbird nach Büchern wie "Schon immer ein Krüppel" oder "Fuck[dis]Ability" in denen er einen Seelen-Striptease par excellence hinlegt. Mal schonungslos direkt und ernst, mal mit einer gehörigen Portion (Schwarzen) Humor, aber jedes Mal direkt, authentisch, sympathisch und ehrlich. Der in Berlin lebende Autor, Musiker und Grafiker verheimlicht sein Schicksal nicht, sondern geht charmant und offen damit um. Nach einem Suizid-Versuch 2009 und seiner daraus resultierenden teilweisen Querschnittslähmung widmet er sich nicht nur der Literatur, sondern genauso auch der Musik mit seinen Projekten Spinne Am Abend und dem Dark-Punk-Duo Gruftschlampen. Aber bleiben wir nun bei seinem neuesten Roman.


Was kann der Leser erwarten?

Im Fokus steht Doreen, das kleine Moppelchen. Das von allen dazu benutzt wird, um es mit den Seelensorgen anderer vollzuladen. Obwohl sie es ist, die wohl am meisten zu jammern hätte. Aber da kommen die superhübschen Girlys daher, die ihr die Ohren blutig jammern, weil sie am Vorabend ein paar Kalorien zu viel in sich aufgenommen haben. Doch eigentlich ist es Doreen, die etwas Zustimmung und offene Ohren benötigen würde, denn nicht das erste Mal wird sie von den Personen, denen sie ihre Liebe schenkt, mehr als nur enttäuscht. Sie wird gedemütigt, benutzt und ausgenutzt. Aber sie soll es doch nicht so eng sehen, meinen alle, denn es wäre ja auch kein Wunder, dass sich ein Mann mal nach anderen Lippen oder Geschlechtsteilen umsieht. Viele sagen es ihr zwar nicht so direkt, aber genau das ist es, was ihr indirekt vermittelt wird. Je mehr Kilogramm Doreen zunahm, umso stärker verkleinerte sich ihr Freundeskreis, der bald nur noch aus wenigen Arbeitskollegen zu bestehen schien. Doreen war eine einsame, geplagte Seele, die einfach nur geliebt werden wollte und die einfach nur ihre Liebe an jemanden weitergeben wollte, der es auch zu schätzen weiß.


Doch dann trat auf einmal Theodor in ihr Leben. Mehr durch Zufall als gewollt. Theodor, ein Mensch, der nichts besaß. Ein Obdachloser, der nachts oft unter der Brücke, auf der Straße oder in irgendwelchen S-Bahn-Waggons schlief und der die Hoffnung auf so etwas wie Heimat und Geborgenheit schon längst aufgegeben hat. Ein Mensch, gefangen in diesen wirren Zeiten , in einer endlos scheinenden Abwärtsspirale. Doch eine schicksalsträchtige Nacht meinte es gut mit Theodor, denn er wurde von Doreen gefunden, mit nach Hause genommen und gepflegt und am nächsten Morgen findet sich Theodor in einer völlig fremden Umgebung wieder und scheint seinem Verstand nicht mehr zu trauen. Diese fremde Frau in dieser fremden Wohnung kümmert sich um ihn, wie wenn sie ihn schon jahrelang kennen würde. Sie nennt ihn sogar ihren Mann, tischt herrlich duftende Frühstücks-Brötchen auf, bevor sie das Haus verlässt um ihrer Arbeit nachzugehen und verabschiedet sich bei ihrem „Mann“, der irgendwo zwischen Freude über das plötzliche Dach über dem Kopf und der köstlichen Verpflegung und Skepsis hin und her gerissen ist. Wie ist er hier gelandet und vor allem: Warum?

Gefunden haben sich zwei Leute, die so sehnsüchtig nach ihrem Glück gesucht haben. Doch was ist eigentlich Glück? Wie definiert sich dieses Gefühl, das manchmal wie eine Seifenblase in sekundenschnelle wieder zerplatzt? Vielleicht darin, nicht allein zu sein? Vielleicht darin, jemanden zu haben neben dem man einschlafen und wieder aufwachen kann? Vielleicht darin, zu jemanden zu gehören und dabei noch gehört zu werden? Im Fall von Doreen und Theodor wohl am ehesten, indem sie jemanden gefunden haben, mit dem sie gemeinsam untergehen können. Zwei verlorene Seelen auf der unaufhaltsamen Suche nach Liebe und Glück.


Begleite Doreens und Theodors Suche nach dem Glück in diesem mehr als nur unterhaltsamen, bedrückenden und vor allem auch gefühlvollen Roman, der Dich sicher nicht nur einmal zum Nachdenken anregen wird. Begleite die beiden in ihrem Sinnestaumel gefangenen Seelen, wie sie unaufhörlich auf der Suche sind. Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, dem Glück, der Liebe und dem Ankommen nach einer endlos erscheinenden Reise. Auf knapp 150 Seiten tauchen wir ein in eine Welt voller Hoffnung und Sehnsucht, in eine Welt voller Enttäuschung und Einsamkeit und in eine Welt, die unter Beweis stellt, dass es immer wieder bergauf gehen kann, auch wenn man schon beinah aufgegeben hat. Ein jedes Kapitel wird dabei aus einer anderen Sicht erzählt. Meistens werden wir Teil von Doreens und Theodors Gedankenwelt, aber der Leser erfährt zum Beispiel auch mehr von Max, dem trolligen und sympathischen Arbeitskollegen von Doreen, der heimlich mehr für sie empfindet, aber von ihr nicht gesehen wird. Wir die Suche für Doreen und Theodor ausgeht und ob sie wirklich das gefunden haben, wonach sie gesucht haben, wollen wir an dieser Stelle nicht verraten, denn das sollst Du am besten selber herausfinden.

"Mein Mann von unter der Brücke" ist fesselnd und gefühlvoll, direkt und ehrlich und berührt auf vielen Ebenen. Benjamin Schmidt besticht mit seinem teils recht einfachen, aber doch sehr poetischen Schreibstil und fesselt den Leser von der ersten bis zur letzten Seite. Ein Roman, den man nicht mehr weglegen will. Eine Achterbahnfahrt in den Abgrund. Ein Lobgesang auf die menschlischen Sehnsüchte und Gefühle. Mein Lieblingsroman im Jahr 2021! Danke Herr Schmidt, Danke Edition Outbird! Was will man mehr?

Review: Manuela Ausserhofer

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